Tool: adhocracy+ ( https://adhocracy.plus/ )
Organisation: Liquid Democracy
Vorgestellt durch Tietje Khieu und Laura Giesen
Die Entstehungsgeschichte von Liquid Democracy und Adhocracy+
Die Wurzeln liegen in einer Arbeitsgruppe der Piratenpartei, die ein Tool für interne Entscheidungsprozesse innerhalb der Partei entwickeln sollte. Die Piratenpartei entschied sich letztendlich für eine andere Lösung. Die gesammelte Arbeit bildete jedoch den Ausgangspunkt für eine eigenständige Weiterentwicklung.
Die Entwicklung von Adhocracy+
Aus den ersten Ansätzen entstand nach mehreren Entwicklungsschritten die heutige Plattform Adhocracy+, eine Open-Source Software-as-a-Service-Lösung für digitale Bürgerbeteiligung. Der Software-as-a-Service-Ansatz ist dabei entscheidend: Kommunen können die Plattform nutzen, ohne eigene Server betreiben oder technisches Personal beschäftigen zu müssen.
Ein weiteres Tool von Liquid Democracy ist die Plattform meinBerlin, die speziell für das Land Berlin entwickelt wurde. Obwohl sie als eigenständige Plattform auftritt, basiert sie auf derselben technischen Grundlage wie Adhocracy+.
Weitere Informationen zur Vision: https://liqd.net/de/about/vision/
Technische Vorstellung und praktische Erprobung
Aufbau und Struktur von Adhocracy+
Die Plattform folgt einer klaren, hierarchischen Struktur in drei Ebenen:
- die Organisationsebene auf der die Kommunen oder Organisationen, die beteiligung initiieren sich präsentieren könne und Teilnehmende einen Überblick über alle laufenden und vergangenen Beteiligungsprojekte bekommen
- die Projektebene, also die Seiten einzelner Beteiligungsprojekte
- die Modulebene – Beteiligungsprojekte können aus verschiedenen Modulen zusammengesetzt werden (Ideensammlungen, Diskussionsforen, Umfragen, Priorisierungen…), was mehrstufige Beteiligungsprozesse erlaubt
Ausführliche Informationen zu Features: https://adhocracy.plus/info/features/
Moderationskonzepte für digitale Beteiligung
Ein zentraler Schwerpunkt lag auf der Bedeutung durchdachter Moderationskonzepte. Digitale Beteiligungsplattformen leben vom konstruktiven Austausch, sind aber anfällig für destruktive Kommunikation.
Regelwerk und Netiquette
- Klare Kommunikation, welche Verhaltensweisen erwünscht/unerwünscht sind
- Verbot von Beleidigungen, Hassrede, Spam und Werbung
- Aufforderung zu sachlicher Argumentation und Respekt
Zwei Ansätze der Moderation
- Regulierende Moderation: Durchsetzung der Regeln durch Löschen, Bearbeiten oder Kennzeichnen von Kommentaren
- Aktivierende Moderation: Interaktion mit Teilnehmenden, Ermutigung zur Vertiefung von Argumenten, Steigerung der Diskussionsqualität
Das Moderations-Dashboard
Funktionen des Dashboards:
- Kommentar blockieren (werden nicht mehr angezeigt)
- Löschen (kann nicht rückgängig gemacht werden)
- Kommentar hervorheben (z.B. weil er besonders gut die Diskussion zusammenfasst oder eine Position ausführlich begründet)
- Öffentliche Moderationskommentare verfassen
- Verändern: Private Daten durch ersetzen mit *** unkenntlich machen (Datenschutz)
Praxissimulation: Moderation erleben
Nach der theoretischen Einführung folgte eine praktische Simulation. Alle Teilnehmenden erhielten Login-Daten für ein fiktives Beteiligungsprojekt zum Thema “Debattenkultur im Internet”.
Rollenverteilung:
- Trolls: Destruktive Kommentare, Provokationen
- Konstruktive Teilnehmende: Sachliche, respektvolle Diskussion
- Agenda-Promotierende: Werbung für eigene Produkte (Spam)
- Moderatorinnen (2 Personen): Regeldurchsetzung via Moderations-Dashboard
Die Netiquette wurde speziell angepasst, damit in der Simulation kein echter Hass reproduziert wird. Daher wurden besonders niedliche Tiervergleiche als Hass gewertet.
Auswertung, Diskussion und Praxiserfahrungen
Erkenntnisse aus der Simulation
- Hoher Moderationsaufwand durch die Vielzahl destruktiver Kommentare
- Erstmalige Plattformnutzung erschwerte die Arbeit der Moderatorinnen
- Teilweise Überforderungssituationen entstanden
- Anwesenheit und Wirkung der Moderation wurden von allen Teilnehmenden wahrgenommen
Verbesserungsvorschläge:
- Moderationskommentare sollten nicht ausblendbar sein (stärkere Wirkung)
- Diskussion über Sinnhaftigkeit des Dislike-Buttons: bietet rein negatives, aber kein konstruktives Feedback
- Für zukünftige Simulationen: weniger destruktive Rollen für realistischere Szenarien
Technische Beobachtung
Adhocracy+ ist für asynchrone Kommunikation konzipiert. Die Simulation mit simultaner Aktivität aller Teilnehmenden führte zu ungewöhnlich hoher Aktivitätsdichte und unterschied sich von realen Beteiligungssituationen.
Allgemeine Diskussion
Verbreitung und Akzeptanz
- Über 400 Organisationen nutzen die Plattform bereits
- Erfolgsbeispiel Werder an der Havel: Regelmäßige Nutzung, fest integriert in kommunale Beteiligungsprozesse, hohe Nutzerzufriedenheit
- Unterschiedliche Nutzungsintensität bei anderen Organisationen
Faktoren für erfolgreiche Beteiligung
Die Plattformbetreibenden haben nur begrenzten Einfluss auf die Qualität. Entscheidend sind
- Bewerbung des Projekts bei der Zielgruppe
- Qualität der bereitgestellten Informationen
- Bereitschaft, auf Ergebnisse einzugehen
- Einbindung in reale Entscheidungsprozesse
- Ressourcen für Moderation und Betreuung
Frage, was man mit unbegrenzten Ressourcen machen würde:
- Kooperation mit anderen guten Open-Source-Beteiligungstools
- Entwicklung einer gemeinsamen technischen Basis
- Modulare Architektur: Integration der jeweils besten Elemente verschiedener Tools