Digitale Zivilcourage
Warum wir Gewalt stoppen und keine Konflikte lösen
Wer online Hass und Gewalt beobachtet, fühlt sich oft ohnmächtig – oder zögert einzugreifen, weil er/sie nicht weiß, wie er/sie den Konflikt „lösen“ soll. Doch genau hier liegt ein weit verbreitetes Missverständnis: Digitale Zivilcourage ist kein Werkzeug zur Konfliktlösung. Sie ist ein Schutzkonzept.
Das bedeutet: Es geht nicht darum, die Streitenden zu versöhnen, Schuld zuzuweisen oder eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit den Ursachen eines Konflikts anzustoßen. Es geht zunächst nur darum, die Gewalt zu stoppen und alle Beteiligten zu schützen. Dieser Fokus auf Deeskalation statt Lösung ist keine Schwäche – er ist eine Befreiung.
Denn wer eingreift, muss weder Richter*in spielen noch Wunder vollbringen. Die Frage, wer angefangen hat, ist dabei ebenso irrelevant wie die Frage, ob sich die Konfliktparteien am Ende verstehen werden. Der Grundsatz zählt: Hauptsache, die Gewalt hört auf und der Hass wird gestoppt.
Gerade im digitalen Raum ist diese Bescheidenheit im Anspruch besonders wichtig. Anonymität, fehlender Augenkontakt und das Fehlen gewachsener Beziehungen machen echte Verständigung im Netz strukturell schwierig. Studien zeigen, was viele aus eigener Erfahrung kennen: Die meisten Online-Diskussionen zwischen Fremden enden nicht mit gegenseitigem Verstehen, sondern mit verhärteten Fronten. Wer also darauf wartet, den perfekten Moment für eine tiefgründige Versöhnung zu finden, wird meistens gar nicht handeln.
Deeskalation dagegen ist möglich – und sie wirkt. Entscheidend ist dabei der Blick auf das gesamte Konfliktsystem: auf die Angreifenden, die Angegriffenen und die Zuschauenden. Vor allem Letztere unterschätzen im Netz oft ihre Möglichkeiten. Dabei sind es genau sie, die durch ihr Verhalten den Ton einer Debatte mitbestimmen – ob sie schweigen, ob sie mitmachen oder ob sie sich schützend vor die Angegriffenen stellen.

Abb. 1: System von Konfliktparteien. Quelle: LOVE-Storm – Das Trainingshandbuch gegen Hass im Netz.
Was tun! – Der LOVE-Storm Ansatz für digitale Zivilcourage
Aus diesem Verständnis heraus hat LOVE-Storm drei konkrete Ziele für digitale Zivilcourage formuliert:
- Angegriffene stärken
- Zuschauende gegen den Hass mobilisieren
- Angreifenden gewaltfrei Grenzen setzen
So stoppen wir den Hass im Netz.
Abb. 2: Die LOVE-Storm Ziele der digitalen Zivilcourage. Quelle: LOVE-Storm – Das Trainingshandbuch gegen Hass im Netz.
Diese Reihenfolge ist nicht zufällig, denn während Angreifende immer sichtbar sind und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen, ist es zugleich am Schwierigsten sie zu erreichen. Handelt es sich dabei um einen Bot oder verlässt der Angreifende nach der Hassnachricht den Kanal, ist es sogar unmöglich.
Auf der anderen Seite werden die Angegriffenen von Außenstehenden oft übersehen. Manchmal sind sie auch gar nicht anwesend. Man denke nur an die typischen Klassenchats für „Alle außer …“ Gleichzeitig brauchen sie die Hilfe am meisten. Sie sind am stärksten betroffen und schon ein kleines Zeichen der Solidarität kann große Wirkung zeigen.
Strategien für digitale Zivilcourage und gegen Hass im Netz
In unserem Trainingshandbuch haben wir die LOVE-Storm Strategien für Zivilcourage bei Hass im Netz ausführlich dargestellt und 18 entsprechende Taktiken beschrieben. Diese dokumentieren wir hier mit freundlicher Genehmigung des Wochenschau Verlags. Die Leseprobe (pdf) kann auch als eigenständiges Unterrichtsmaterial und Hintergrundtext eingesetzt werden.
Diese Liste sollte allerdings nur als Anregung verstanden werden – denn Zivilcourage lässt sich nicht einfach auswendig lernen. Das Ziel von Zivilcourage-Trainings ist nicht, möglichst viele Strategien zu kennen, sondern einen oder zwei konkrete Handlungsansätze so tief zu verankern, dass man sie im entscheidenden Moment abrufen kann.
Die erste Reaktion auf Hass im Netz ist oft Überforderung.
Das hat einen neurobiologischen Grund: Wer Hass und Bedrohung erlebt – ob als Betroffene oder als Zeug*in –, gerät unweigerlich unter Stress. Das Gehirn schaltet auf Instinktmodus: Flucht, Angriff oder Erstarren. Diese Reaktionen haben uns als Spezies durch die Steinzeit gebracht, helfen aber im digitalen Raum oft wenig. Hinzu kommen eingeschliffene Verhaltensmuster aus früheren Konflikten – Besänftigen, Ausweichen, Schweigen –, die wir in der Vergangenheit als hilfreich erlebt haben und deshalb auch unter Druck schnell aktivieren. Um auf Hassangriffe im Netz gut reagieren zu können, reicht es daher nicht, funktionierende Strategien zu kennen. Wir müssen sie so tief verinnerlicht haben, dass sie sich auch dann Bahn brechen, wenn Instinkt und Gewohnheit in eine andere Richtung drängen.
In der Praxis entwickeln Teilnehmende diese Ansätze meist aus dem eigenen Erleben heraus – etwa durch Rollenspiele, in denen sie verschiedene Reaktionen ausprobieren und deren Wirkung unmittelbar spüren. Die Trainer*innen helfen anschließend dabei, aus diesen Erfahrungen verallgemeinerbare Strategien zu formulieren, die über die konkrete Übungssituation hinaus tragen.
Dabei gilt: Nicht jede Strategie passt zu jeder Person und jeder Situation. Deshalb werden in Trainings nicht nur Möglichkeiten und Chancen der einzelnen Ansätze beleuchtet, sondern auch ihre Grenzen und Risiken – denn wer versteht, wann eine Strategie an ihre Grenzen stößt, kann im Ernstfall besser einschätzen, was wirklich hilft.
Die LOVE-Storm Strategien der digitalen Zivilcourage
(gekürzte Fassung! Eine ungekürzte Liste mit ausführlichen Beispielen
zu allen Strategien entnehmen Sie bitte der Leseprobe (LINK) – oder dem
im Wochenschau-Verlag erschienenen Buch (LINK)
Entsprechend den LOVE-Storm Zielen lassen sich auch die Strategien grob in drei Gruppen aufteilen:
- Strategien zur Stärkung der Angegriffenen
- Strategien zur Mobilisierung von Zuschauenden
- Strategien für die Auseinandersetzung mit Angreifenden
In diesem interaktiven Puzzle könnt ihr die 22 Strategien kennenlernen und üben: Taktik-Puzzle
Verbale oder bildliche Gewalt kann Betroffenen schwere Leiden
zufügen, insbesondere dann wenn ihnen niemand öffentlich zur Seite
springt und sie sich mit der Gewalt alleingelassen fühlen. Viele
berichten, dass sie das „Schweigen der Freund*innen“ stärker schmerze
als der eigentliche Angriff (vgl. Kapitel 1.1).
Bei politischen Diskussionen und privaten Fehden wird Hass zudem oft
gezielt eingesetzt, um Angegriffene zum Schweigen zu bringen und sie aus
dem gemeinsamen Netzraum zu drängen (►Silencing). Besonders aggressive
oder sexualisierte Angriffe können Betroffene aus dem Gleichgewicht
werfen und blockieren, ihnen fehlen dann buchstäblich die Worte (vgl.
Kapitel 1.1). Strategien zum Schutz und zur Stärkung der Angegriffenen
können den Schmerz lindern und ihnen dabei helfen, die Angriffe zu
bewältigen, damit sie auch weiterhin mitreden können.
- Fokus behalten (Demonstratives Ignorieren)
- Betroffenen das Wort geben
- Projektion erklären
- Virtuelle Umarmungen
- Marginalisierte Perspektiven schützen
- Solidarität bekunden
Öffentliche Gewalt ist für Angreifende grundsätzlich riskant. Denn Menschen, die Angriffe auf andere beobachten, entwickeln normalerweise Mitleid. Sie versuchen, den Angegriffenen zu helfen und verurteilen die Gewalttäter*innen. Digital Angreifende kommunizieren daher, neben dem eigentlichen Angriff, immer auch mit den Zuschauenden. Sie versuchen die Zuschauenden auf ihre Seite zu ziehen, indem sie die Gewalt verstecken („War nicht so gemeint“) oder legitimieren („…hat sie*er doch verdient“).1
Vor allem aber versuchen sie, sich als Vertreter einer existierenden oder fantasierten Gruppe darzustellen. Sie gerieren sich als Avantgarde einer schweigenden Gemeinschaft, die auszusprechen wagt, was „alle anderen denken“.
Digitale Gewalt enthält daher (fast) immer auch eine Einladung an die Zuschauenden, sich als Teil dieser Gruppe zu verstehen. Solange die Zuschauenden zur Gewalt schweigen, kann die Gemeinschafts-Illusion aufrecht erhalten werden und so ein Gruppendruck entstehen, sich ebenfalls konform zur vermeintlichen Gruppenmeinung zu verhalten. Diese Gruppen-Illusion und der damit einhergehende Konformitätsdruck sind schon in offenen Internet-Foren erkennbar. Vor dem Hintergrund echter Gruppenmitgliedschaften, wie zum Beispiel in einer Klassengemeinschaft, oder auch in geschlossenen Facebook- oder Messengergruppen, nimmt der Konformitätsdruck noch einmal deutlich zu. Aber auch dort kann die Gruppenillusion aufgehoben werden, wenn andere Zuschauende widersprechen und sich so der Eingemeindung aktiv widersetzen.
Doch die Mobilisierung der Zuschauenden ist kein Selbstläufer. Menschen, die eine Gefahr beobachten – und sei es auch „nur“ verbale Gewalt -, reagieren häufig „instinktiv“. Das Gehirn schaltet in den Bedrohungsmodus und löst die klassischen Instinktverhalten „Flucht, Angriff oder Erstarrung“ aus. In der digitalen Kommunikation bedeutet das meistens: Unangenehmes, wie Angriffe, wird schnell weggewischt oder es wird weitergescrollt, Erwiderungen werden angefangen, aber nicht abgeschickt.
Sozialpsychologische Studien verweisen zudem darauf, dass Zeug*innen von Gewalttaten seltener eingreifen, wenn sie wissen, dass noch andere Menschen zuschauen. Dieser sogenannte Bystander Effect tritt auch im Internet auf. Denn die Anzahl der Zuschauenden ist im Netz theoretisch unbegrenzt. Aussagen wie, „Wenn die nicht helfen, muss ich es ja auch nicht“ oder „Irgendwie hat die oder der Angegriffene es ja auch verdient“ sind typische Erklärungen, mit denen Beobachter*innen ihr Nichthandeln rechtfertigen.
Umgekehrt gilt auch: Wenn Zeug*innen erkennen, dass andere bereits gegen Hass eingreifen, kann das ihre eigene Bereitschaft zur Gegenrede stärken. Allerdings zeigt die Forschung hier ein gemischtes Bild: Eine Studie zu Bystander-Reaktionen auf Facebook fand, dass vorherige Reaktionen anderer Nutzerinnen das eigene Verantwortungsgefühl sogar verringern können – getreu dem Motiv „Es kümmert sich ja schon jemand darum“. Entscheidend scheint daher weniger zu sein, dass überhaupt schon widersprochen wurde, sondern wie geschlossen die Reaktion der Gruppe ausfällt: Einstimmige Gegenrede wirkt stärker mobilisierend als eine Situation, in der sich Zustimmung und Ablehnung zur Hassäußerung die Waage halten.
Gerade deshalb ist es wichtig, einen ersten Widerspruch nicht isoliert stehen zu lassen, sondern weitere Zuschauende zur Unterstützung zu bewegen. Studien zur Dynamik von Gegenrede in sozialen Medien deuten darauf hin, dass organisierte, kollektive Gegenrede deutlich wirksamer ist als vereinzelte Einzeläußerungen. Bleibt der Widerspruch hingegen allein, oder gelingt es den Angreifenden, ihn als „feindliche Einzelmeinung“ abzutun, kann dies die Hass-Norm der Gruppe sogar verstärken – ein Effekt, der sich aus der allgemeinen sozialpsychologischen Forschung zu Konformität und Gruppennormen ableiten lässt, auch wenn er für den Online-Hassrede-Kontext spezifisch noch nicht in dieser Form untersucht wurde.
Rechtspopulistische Kommunikationsstrategien orientieren sich an Gramcis Hegemoniekonzept und setzen auf die Dominanz der Gruppe. Ihre Kommentator*innen versuchen daher regelmäßig den Eindruck einer großen Mehrheit zu erwecken, indem sie sich gegenseitig unterstützen.
Um dieser scheinbaren Mehrheit nicht hilflos gegenüberzustehen und im besten Fall sogar neue „solidarische und menschenfreundliche“ Gruppennormen zu setzen, haben sich die folgenden Strategien zur Mobilisierung der Zuschauenden bewährt:
- Benennen von menschenverachtenden und abwertenden Äußerungen (Deframing)
- Zustimmen zu konstruktiven Beiträgen anderer (liken)
- Regeln einfordern
- Humor
- Sich positionieren/Haltung zeigen
- Argumentieren
- Framing
Angreifende ergreifen die Initiative. Sie eröffnen eine Hasskommunikation mit kontrollierten Regelverstößen und wollen Zuschauende zwingen, bei ihrem schlechten »Spiel« mitzumachen. Typische Verhaltensweisen wie Gegenangriffe, Rückzug aus der Diskussion, „Verletzt sein“ etc. sind Teil dieses Spiels. Sie werden von den Angreifenden erwartet und können das destruktive Handeln nicht beenden. Daher müssen Strategien, die sich an die Angreifenden wenden, nicht nur die Spielregeln, sondern das gesamte Spiel verändern wollen. Dazu können drei grundlegende Varianten von „Gegen-Spielen“ unterschieden werden:
Mit Solidaritätsspielen wird verhindert, dass der Angriff wirkt, indem Angegriffene gezielt gestärkt und Zuschauende mobilisiert werden. (siehe oben, Kapitel 3.1)
Mit Null-Toleranz-Spielen können Angriffe abgeschreckt werden, wenn Angreifende erfahren, dass ihr Verhalten nicht geduldet wird und negative Konsequenzen (wie zum Beispiel den Ausschluss aus der Gemeinschaft) hat.
Mit konstruktiven Spielen ermöglichen Eingreifende die Schaffung anderer und konstruktiverer Beziehungen zum Angreifenden.
Der Vorteil der ersten beiden Spielsorten ist, dass sie sich weitestgehend ohne die Angreifenden spielen lassen. Jede Auseinandersetzung mit Angreifenden ist dann nur eine Inszenierung des eigenen Spiels, um die anderen Zielgruppen zu erreichen. Damit können Eingreifende wieder die Oberhand im Handeln erlangen und eigenständig agieren, anstatt sich von Angreifenden treiben zu lassen.
Wichtig für diese Interventionen sind konstruktive Verhaltensweisen. Das Netzwerk Kleiner Fünf hat dafür den Begriff „radikal höflich“ geprägt. Diese gewaltfreie Haltung sollte (nicht nur) aus strategischen Gründen gewählt werden, damit sich Angreifende nicht als Opfer stilisieren können, keinen Rückhalt der Zuschauenden gewinnen und ihren Angriff leichter (gesichtswahrend) beenden können. In den meisten digital ausgetragenen Konflikte ist das alles, was unter den gegebenen Umständen erreichbar scheint. Im Normalfall macht es daher wenig Sinn, sich mit Zivilcourage auf die Angreifenden zu konzentrieren. Die Arbeit für Angegriffene und Zuschauende ist wichtiger und erfolgversprechender.
Nichtsdestotrotz gibt es auch gute Gründe, manchmal ernsthaft auf Angreifende zuzugehen und wirkliche Verständigung zu suchen: Zum einen kommt es immer wieder vor, dass die Eingreifenden die Angreifer*innen doch persönlich kennen und sie sich nicht aus dem Weg gehen können oder wollen. Unter Kolleg*innen, Freund*innen oder Verwandten ist der „Einsatz“ bei Auseinandersetzungen automatisch höher. Dadurch steigt der Druck, aber es eröffnet auch Gelegenheiten, sich ernsthaft auf die*den jeweils Anderen einzulassen. Zum anderen treffen Eingreifende aber auch immer wieder einmal auf Angreifende, die sich auf einen echten Dialog einlassen wollen. Dann sollten sie darauf auch ehrlich eingehen können, um diese seltenen Chancen zu nutzen.
Je nachdem, ob die Eingreifenden den Angreifenden nur gewaltfrei Grenzen setzen, oder mit ihnen in einen Dialog gehen wollen, empfehlen sich unterschiedliche Strategien:
- Sachlich dran bleiben
- Nachfragen und Fakten einfordern
- Gemeinsamkeiten finden
- Motivebene ansprechen
- Paradoxe Interventionen
- Spiegeln / Reframing
Um diese Strategien später sicher und schnell zum Einsatz bringen zu können, werden sie in LOVE-Storm Online-Rollenspielen eingeübt. Diese Trainings simulieren eine Echtzeitkommunikation im Chat und erlauben den Teilnehmenden den Erwerb von Handlungswissen. Diese emotional verankerten Wissensbestände lassen sich dann in Stresssituationen während einer realen Interaktion leichter hervorrufen und anwenden.
Da die Intervenierenden auch die LOVE-Storm Ziele verinnerlicht haben, können sie auch schnell entscheiden, ob und in welchem Maße Betroffenen geholfen wird und Zuschauende mobilisiert werden, bevor sie sich auf eine Interaktion mit den Angreifenden einlassen.
Was digitale Zivilcourage nicht ist:
Zivilcourage ist keine Gegenrede (Counterspeech).
Es geht nicht vorrangig um den Austausch von Argumenten und auch nicht darum „schreiende Angreifende niederzuschreien“ oder eine Debatte zu gewinnen. Tatsächlich sind die meisten sozialen Medien nicht für echte oder tiefergehende Debatten gemacht. Der Fokus auf das Gegenüber hat mehrere schwerwiegende Nachteile:
- In den meisten Online-Debatten bleiben die Positionen der Beteiligten stabil. Eine norwegische Studie zu Diskussionsdynamiken im Netz fand, dass eine Mehrheit der Befragten angab, ihre Meinung in keine Richtung verändert zu haben. Doch wer eine gegenteilige Meinung zu lesen bekam, war nicht etwa offener für die Gegenposition: Beide – sowohl bestätigende als auch widersprechende Argumente – verstärkten die ursprüngliche Überzeugung in ähnlichem Ausmaß. Die Forscher*innen sprechen daher nicht von einer reinen „Echokammer“, in der nur Gleichgesinnte miteinander reden, sondern von einer „Grabenkrieg“-Dynamik: Auch die direkte Konfrontation mit Gegenargumenten führt online tendenziell dazu, dass Menschen noch stärker von der eigenen Position überzeugt sind, statt sie zu hinterfragen. Zu einem echten Nachdenken über die Argumente der Gegenseite, das zu einer veränderten oder zumindest nuancierteren Position führt, kommt es vergleichsweise selten.
- Durch den Fokus auf die Kontrahent*innen wird den Angreifenden mehr Raum und Aufmerksamkeit gegeben, also genau das, was die Trolle sich wünschen. Ihr Verhalten wird also belohnt und die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Angriffe erhöht. Gleichzeitig werden die eigentlichen Themen und die leiseren Stimmen (noch weiter) in den Hintergrund gedrängt.
- Gegenrede kann Diskriminierung noch verstärken. Etwa, wenn auf einen rassistischen Angriff Eingreifende und Angreifer*innen um einen Kompromiss ringen, „was man (nicht) sagen darf“, und so Betroffenen vorschreiben, was sie akzeptieren sollten. (siehe Splaining – Glossar Link)
- Gegenrede braucht Stärke. Menschen, die nicht so gut argumentieren können oder sich aus anderen Gründen zu schwach fühlen, um in einer Online-Auseinandersetzung zu bestehen, werden daher eher keine Gegenrede leisten.
Digitale Zivilcourage ist keine Konfliktlösung.
Zivilcourage muss nur die Gewalt stoppen. Danach kann mensch tiefergehende Dialoge oder gar die Klärung und Lösung der zugrundeliegenden Konflikte versuchen, muss es aber nicht. Das hat mehrere Vorteile:
- Zivilcourage ist unaufwendig. Wer auf Gewalt stößt, hatte in der Regel was anderes vor und eigentlich gar keine Zeit sich zu kümmern. Für ein schnelles „Nein, das sehe ich anders“, das „liken angegriffener Beiträge“, die Meldung von Hasskommentaren oder eine virtuelle Umarmung für Angegriffene reicht die Zeit eher als für eine längere Debatte – und macht doch einen Unterschied.
- Zivilcourage braucht kein Gegenüber. Angegriffene zu schützen funktioniert auch dann, wenn der Angreifende eigentlich ein Bot ist, oder aus anderen Gründen kein Interesse am Dialog hat.
- Zivilcourage ermöglicht Vertrauen, funktioniert aber auch ohne. Für erfolgreiche Dialoge und Konfliktbearbeitung braucht es ein Mindestmaß an Vertrauen zwischen den Konfliktparteien, damit diese sich auf das Wagnis einlassen können. Zivilcourage ist dagegen ein parteiisches Schutzkonzept. Sie stellt sich auf die Seite der Angegriffenen um die Angriffe zu stoppen, ohne aber selbst anzugreifen und so eine Gewaltspirale in Gang zu setzen.
Trainings für digitale Zivilcourage
Menschen reagieren auch auf verbale Gewalt oft instinktiv mit Flucht, Angriff oder Erstarrung.
In unseren Basistrainings für digitale Zivilcourage nutzen wir interaktive Rollenspiele, in denen die Teilnehmenden ihre Standardreaktionen ausprobieren und für sich gut funktionierende Strategien entwickeln können.
Indem sie mögliche Angriffe und Reaktionen vorher durchspielen, können sie ihre Instinkte austricksen und auch im Schockmoment eines Angriffs effektiv handeln.
Zum Basistraining Digitale Zivilcourage
Erfahrenen Trainer*innen und anderen Pädagog*innen bieten wir gerne an, das LOVE-Storm Tool zu nutzen und eigene Online-Rollenspiele gegen Hass im Netz anzuleiten:
Quellen:
Leseprobe: Die LOVE-Storm Strategien für digitale Zivilcourage
Lapidot-Lefler, N., & Barak, A. (2012). Effects of anonymity, invisibility, and lack of eye-contact on toxic online disinhibition. Computers in Human Behavior, 28(2), 434–443. https://doi.org/10.1016/j.chb.2011.10.014
Bail, C. A., et al. (2018). Exposure to opposing views on social media can increase political polarization. Proceedings of the National Academy of Sciences, 115(37), 9216–9221. https://doi.org/10.1073/pnas.1804840115
Saha, K., et al. (2019). Prevalence and psychological effects of hateful speech in online college communities. In Proceedings of the 10th ACM Conference on Web Science (WebSci ’19) (S. 255–264). https://doi.org/10.1145/3292522.3326032
Eisenberger, et al. (2003). Does rejection hurt? An fMRI study of social exclusion. Science, 302(5643), 290–292. https://doi.org/10.1126/science.1089134
Roelofs, K. (2017). Freeze for action: Neurobiological mechanisms in animal and human freezing. Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences, 372(1718), 20160206. https://doi.org/10.1098/rstb.2016.0206
Tirion, K., Pollmann, M., & van Reijmersdal, E. (2024). The sound of silence: The importance of bystander support for confronters in the prevention of norm erosion. British Journal of Social Psychology. https://doi.org/10.1111/bjso.12709
Bleize, D. N. M., Anschütz, D. J., Tanis, M., & Buijzen, M. (2021). A social identity perspective on conformity to cyber aggression among early adolescents on WhatsApp. Social Development, 30(4), 996–1012. https://doi.org/10.1111/sode.12511
Schwarz, A. F., & Eichelberger, C. / entsprechende WhatsApp-Studie. The effect of aggressive group norms on young adults‘ conformity behavior in WhatsApp chats: A vignette-based experiment. Scientific Reports, 14 (2024). https://doi.org/10.1038/s41598-024-67915-9
Asch, S. E. (1956). Studies of independence and conformity: I. A minority of one against a unanimous majority. Psychological Monographs: General and Applied, 70(9), 1–70. https://doi.org/10.1037/h0093718
Darley, J. M., & Latané, B. (1968). Bystander intervention in emergencies: Diffusion of responsibility. Journal of Personality and Social Psychology, 8(4), 377–383. https://doi.org/10.1037/h0025589
Markey, P. M. (2000). Bystander intervention in computer-mediated communication. Computers in Human Behavior, 16(2), 183–188. https://doi.org/10.1016/S0747-5632(99)00056-4
Leonhard, L., Rueß, C., Obermaier, M., & Reinemann, C. (2018). Perceiving threat and feeling responsible. How severity of hate speech, number of bystanders, and prior reactions of others affect bystanders‘ intention to counterargue against hate speech on Facebook. Studies in Communication and Media, 7(4), 555–579. https://doi.org/10.5771/2192-4007-2018-4-555
Garland, J., Ghazi-Zahedi, K., Young, J.-G., Hébert-Dufresne, L., & Galesic, M. (2020). Countering hate on social media: Large scale classification of hate and counter speech. In Proceedings of the Fourth Workshop on Online Abuse and Harms (EMNLP 2020). Zusammenfassung u. a. via phys.org (2020).
Schoch, D., Keller, F. B., Stier, S., & Yang, J. (2022). Coordination patterns reveal online political astroturfing across the world. Scientific Reports, 12, Artikel 4572. https://doi.org/10.1038/s41598-022-08404-9
