Im Rahmen der Webinarreihe zu digitalen Tools gegen Hass im Netz wurde das Online-Selbstlerntool SwipeAway vorgestellt.
SwipeAway ist in dem Projekt re:set – Jugend gegen Hass im Netz der Amadeu Antonio Stiftung und gefördert durch die Stiftung Mercator entstanden.
SwipeAway steht stellvertretend für einen innovativen Ansatz in der Medienbildung: Es zeigt, wie moderne Lernformate Jugendliche und junge Erwachsene erreichen können, indem sie deren digitale Erfahrungswelt unmittelbar aufgreifen.
Dieses kurze Portrait fasst die zentralen Merkmale, Einsatzmöglichkeiten und Stärken von SwipeAway zusammen.
Warum ein Tool wie SwipeAway?
Social-Media-Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube prägen Meinungsbildung heute maßgeblich. Insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene bewegen sich selbstverständlich in algorithmisch gesteuerten Feeds, in denen Inhalte personalisiert und nach vermeintlicher Relevanz ausgespielt werden. Dabei gelangen sie unweigerlich auch in Kontakt mit problematischen Botschaften, die gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit reproduzieren oder als Desinformation einzuordnen sind.
Diese Entwicklungen stellen pädagogisches Arbeiten vor neue Herausforderungen: Jugendliche wünschen sich zeitgemäße Lernformate, die ihre Mediennutzung authentisch besprechbar machen. Pädagog*innen äußern das Bedürfnis nach Wissen über allgemeine Funktionslogiken und konkrete gängige Narrative auf den Social-Media-Plattformen, um sicherer im Umgang mit den betreffenden Themen handeln zu können.
Genau an dieser Stelle setzt SwipeAway an:
Das Tool wurde entwickelt, um die Dynamiken menschenfeindlicher Online-Inhalte sichtbar zu machen, ohne reale problematische Posts zu reproduzieren. Durch ein niedrigschwelliges Lernsetting ermöglicht es Reflexion, ohne Nutzer*innen mit tatsächlicher Hetze zu konfrontieren.
Das Selbstlerntool verknüpft somit politische Bildung, indem es aktuell gängige antidemokratische Positionen beleuchtet, mit medienpädagogischen Ansätzen, um das eigene Nutzungsverhalten kritisch zu reflektieren und Handlungsempfehlungen auszusprechen.
Wie funktioniert SwipeAway?
SwipeAway ist ein kostenfreies Online-Selbstlerntool, das Nutzer*innen einen Lern- und Reflexionsraum zu gängigen Erzählungen und Formaten auf Social-Media-Plattformen bietet. Das Tool nutzt hierzu KI-generierte Kurzvideos mit dazugehörigen Profilbeschreibungen und Kommentarspalte und erinnert damit bewusst an populäre Plattformen wie TikTok.
Man wischt durch verschiedene Beiträge: Straßenumfragen, Aufklärungsvideos oder Lifestyle-Clips. Bei SwipeAway gibt es drei Arten von Videos. Das Kernelement stellen die problematischen Videos dar. Diese reproduzieren auf verschiedene Arten bestimmte Formen von Menschen- und
Demokratiefeindlichkeit. Alle problematischen Inhalte werden im Verlauf des Videos thematisiert, sodass keine Aussage ohne Kontext stehen bleibt.
Daneben gibt es Videos von Akteur*innen der sächsischen Zivilgesellschaft, die aufklären und zu selbstbestimmtem Handeln befähigen. Diese Beispiele sind abgebildet, um zu zeigen, dass Social-Media-Plattformen auch Orte der konstruktiven politischen Auseinandersetzung und Bildung sein können. Außerdem gibt es noch den sogenannten Feel-good-Content – etwa in Form süßer Tiervideos.
SwipeAway zeigt bewusst eine breite Palette an unterschiedlichen Inhalten, da diese Vielfalt der Mischung entspricht, die beispielsweise auf der „For You Page“ bei TikTok zu finden ist. Auch dort werden zwischen spielenden Katzenbabys und trendigen Herausforderungen menschenverachtende Inhalte ausgespielt. SwipeAway zeigt so, wie niedrigschwellig und spielerisch problematische Ideologien in digitalen Räumen verbreitet werden können – oft verpackt in Humor, Trend-Ästhetik oder Personal Storytelling.
Wie ist SwipeAway konzipiert?
SwipeAway verfolgt einen reflexiven, pädagogisch fundierten Ansatz, der nicht belehren, sondern selbstbestimmtes Erkennen fördern soll. Die wichtigsten didaktischen Elemente sind:
a) Die Nähe zu jugendlichen Medienwelten
Durch die Ästhetik kurzer Videoformate knüpft das Tool an reale Nutzungsmuster junger Menschen an. Dies erleichtert Identifikation und Wiedererkennungsprozesse – und hebt zugleich hervor, wie schnell subtile Ideologien in solchen Formaten verpackt sein können.
b) Ein sicherer Lernraum
Da die Inhalte vollständig KI-generiert sind, besteht keine Gefahr, mit real existierenden problematischen Accounts in Berührung zu kommen bzw. entsprechenden Akteur*innen eine Plattform zu geben.
c) Analyse von allgemeinen Strategien statt Fokus auf Einzelfälle
Im Zentrum steht vor allem die Frage nach Mechanismen und Strategien im Kontext der Social-Media-Nutzung demokratiefeindlicher Akteur*innen. User*innen lernen, Muster zu identifizieren, z.B. die Verzerrung von Fakten, Emotionalisierung, Feindbildkonstruktionen, vermeintliche Humor-Strategien, Normalisierung diskriminierender Aussagen.
d) Förderung demokratischer Medienkompetenz
SwipeAway stärkt die Fähigkeit,
• manipulativ wirkende Inhalte zu erkennen,
• menschenfeindliche Aussagen einzuordnen,
• demokratische Werte als Orientierungspunkt im digitalen Raum zu nutzen.
SwipeAway als Selbstlerntool – und als Methode für pädagogische Fachkräfte
Durch eine begleitende Handreichung wird das Tool zu einem flexibel einsetzbaren Baustein für Workshops, Unterricht oder außerschulische Bildungsarbeit. SwipeAway ist so konzipiert, dass klassisch Lehrende wie auch Lernende daraus etwas mitnehmen können. So kann das Selbstlerntool ohne großes Vorwissen in den Unterricht oder in Workshops eingebunden werden. Sowohl durch das umfangreiche Begleitmaterial als auch im Erkunden des Tools selbst können Interessierte niedrigschwellig die Grundlagen vorhandener Social-Media-Plattformlogiken kennenlernen. Dabei bietet SwipeAway zugleich immer konkrete Handlungsmöglichkeiten an und dient somit als eine Wissens- und Gesprächsgrundlage.
Zielgruppen und Nutzungsmöglichkeiten
SwipeAway richtet sich an sowohl an Jugendliche und junge Erwachsene als auch an Fachkräfte im schulischen und außerschulischen pädagogischen Kontext – und allgemein alle interessierten Einzelpersonen.
Das Tool eignet sich für Selbstlernphasen im Unterricht, als Einstieg in Themen wie Hass im Netz, Desinformation oder gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, als medienpädagogisches Reflexionsangebot oder für Fortbildungen für pädagogische Fachkräfte.
Stimmen aus dem Webinar
Die Rückmeldungen aus dem Teilnehmendenkreis des Webinars zu SwipeAway waren sehr positiv. Teilweise wurde das Tool im Vorfeld des Webinars durch die Teilnehmenden bereits in der Praxis genutzt – mit einer positiven Resonanz von Jugendlichen – oder an Multiplikator*innen weiterempfohlen.
Insbesondere die bewusst eingebauten Reflexionsfragen als Momente des Innehaltens wurden positiv hervorgehoben sowie die Funktion von SwipeAway als Gesprächseinstieg ganz allgemein. Aber auch die Elemente der reinen Wissensvermittlung kamen gut an: Konkret etwa die alphabetisch geordneten Erklärtexte zu Funktionsweisen, Kommunikationsstrategien oder genutzten Codes im Glossar.
Darüber hinaus entstand vor allem eine Diskussion über die Einsatzmöglichkeiten des Tools mit Blick auf die textlastigen Erklärungen, mit dem Bedenken, dass diese zwar einerseits das Lernen in eigener Geschwindigkeit und Tiefe ermöglichen, für Personen mit geringerer Sprach-/Lesekompetenz allerdings eine Hürde darstellen könnten.
Außerdem wurde der Wunsch nach Schulungen zum Einsatz des Tools geäußert sowie die Weiterentwicklung des Tools im Sinne einer inhaltlichen Aktualisierung unter Einbeziehung von Jugendlichen angeregt.
Fazit: Der Mehrwert von SwipeAway im Rückblick auf die Webinarreihe
Für die Webinarreihe bot SwipeAway einen praxisorientierten Zugang zum Thema Hass im Netz, der Theorie und Lebenswelt zeitgemäß verbindet. Die Teilnehmenden konnten nachvollziehen:
• wie strategisch menschenfeindliche Kommunikation in plattformtypischen Formaten verpackt wird,
• warum die algorithmenbasierte Nutzung viele Effekte verstärkt und besonders somit herausfordernd ist,
• und wie Bildungsarbeit darauf reagieren kann.
SwipeAway zeigt, dass politische Bildung digitale Formate nutzen muss, um auf Augenhöhe mit aktuellen Kommunikationskulturen zu arbeiten.
Als Teil der Reihe erweist sich das Tool daher als wertvolle Ergänzung – sowohl für die Analyse aktueller Online-Diskurse als auch für die Entwicklung eigener Handlungskompetenz im Umgang mit problematischen Inhalten.